Druckansicht - Thursday 17. May 2012

Inhalt:

Kardinal König und das Gewissen

 

Symposion im Wiener "Kardinal-König-Haus" zeigte aus Anlass des fünften Todestages zentrale Anliegen Königs auf

 

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» Biographische Notizen

 

 

Wien (KAP) Das Vermächtnis Kardinal Königs für Gegenwart und Zukunft stand im Mittelpunkt des Symposions "Gewissen - Freiheit und Verantwortung in Zeiten von Krise und Beliebigkeit", das aus Anlass des fünften Todestags des Kardinals im Wiener "Kardinal-König-Haus" stattfand. Veranstaltet wurde die Tagung von der Stiftung "Pro Oriente", der "Kardinal-König-Stiftung" und dem "Kardinal-König-Haus". Abschluss der Tagung, an der u.a. auch Kardinal Christoph Schönborn, Bischof Egon Kapellari und der Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich, der lutherische Altbischof Herwig Sturm, teilnahmen, war eine ökumenische Vesper in der Konzilsgedächtniskirche in Lainz.


Zuvor machten Sozialminister Rudolf Hundstorfer, Nationalbank-Präsident Claus Raidl, "Standard"-Autor Hans Rauscher und der deutsche Internist und Psychiater Prof. Joachim Bauer in einer Podiumsdiskussion deutlich, dass sich Gewissensentscheidungen auf den Alltag auswirken. Hundstorfer und Raidl waren sich etwa einig, dass alles getan werden muss, um die Arbeitslosigkeit im allgemeinen, vor allem aber die Jugendarbeitslosigkeit einzudämmen. Vorgänge in anderen europäischen Ländern hätten gezeigt, welche dramatischen Konsequenzen eine Vernachlässigung dieses Faktors nach sich zieht.


Prof. Bauer wies auf neueste neurobiologische Forschungsergebnisse hin, wonach es im Menschen Anlagen gebe, die zum Gewissen führen. Der Mensch habe etwa einen biologisch verankerten Sinn für soziale Fairness; der Haupttrieb des Menschen sei jener nach zwischenmenschlicher Beziehung und sozialer Akzeptanz.


Hans Rauscher forderte mehr ethische und moralische Bildung von Journalisten ein. Gerade in Zeiten des zunehmenden wirtschaftlichen Drucks auf die Medien müssten Journalisten in konkreten Situationen entscheiden, welche Veröffentlichungen sie verantworten können und welche nicht. Freilich würden Grundsätze derzeit stark vernachlässigt, wie zahlreiche aktuelle Fälle in der Boulevardpresse belegen.


Gewissen in den Religionen


Der Salzburger katholische Theologe Prof. Clemens Sedmak, der Berliner Rabbiner Walter Homolka und der muslimische Religionspädagoge Mouhanad Khorchide stellten grundlegende Überlegungen zum Gewissen aus christlicher, jüdischer und islamischer Sicht an. Sedmak arbeitete in seinem geistreichen Streifzug durch die Theologie- und Philosophiegeschichte die Spannung zwischen einer starken Bindung an die eigene Subjektivität und der Orientierung an einer übergeordneten Norm heraus. Kardinal König habe in seinen Hinweisen für die Gewissensbildung u.a. auf die Bedeutung des geschützten Raums der Familie verwiesen. Ebenso habe der Kardinal oft den Mut eingefordert, zu Gewissensurteilen auch in aller Öffentlichkeit zu stehen. Eine Herausforderung, der viele Christen aus Bequemlichkeit nicht nachkommen würden.


Prof. Homolka verwies darauf, dass im Judentum die ethisch-moralische Dimension im Vordergrund stehen. Der Mensch stehe im ständigen Widerstreit zwischen gut und böse und müsse deshalb sein Gewissen ständig trainieren. Ermöglicht werde dem Menschen diese Entscheidungsmöglichkeit überhaupt erst durch seinen Anteil an der göttlichen Vernunft. Deswegen besitze der Mensch die Freiheit zu Entscheidungen, trage aber auch Verantwortung dafür, so Homolka.


Auch für den Islam reklamierte Khorchide die Bedeutung des Gewissens. Der Mensch als "Verwalter der Schöpfung" müsse verantwortungsvoll mit den ihm anvertrauten Ressourcen umgehen, was nur durch die rechte Erziehung des Gewissens möglich sei. Die blinde und unreflektierte Bindung an Vorschriften oder an Rechtsgutachten von Gelehrten ("fatwas") wies Khorchide zurück. Gegen eine "Wertebeliebigkeit" führte Khorchide fünf zentrale Prinzipien des Islam an: Gerechtigkeit, Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit und soziale Verantwortung.


Ökumene muss weitergehen


Der Wiener griechisch-orthodoxe Metropolit Michael Staikos erinnerte bei der ökumenischen Vesper in der Konzilsgedächtniskirche daran, dass Kardinal König schon sehr früh über die eigenen Grenzen hinausgeschaut und "in einer sehr überzeugenden Weise" die Brüder und Schwestern aus den anderen Kirchen "als solche anerkannt" habe. König habe dabei immer konkret gehandelt, z.B. durch die Gründung der Stiftung "Pro Oriente". Wörtlich sagte der Metropolit: "Das Ziel war für Kardinal König ganz klar: Die volle kirchliche Einheit aller Christen im Osten und im Westen".


Kardinal König sei immer "von der Kraft und der Hoffnung des weiten Horizonts der Auferstehung" inspiriert gewesen, unterstrich Metropolit Staikos: "Durch Christi Auferstehung sind alle Menschen auferstanden. Das war seine Überzeugung bis zum Schluss, bis zum Ende seines irdischen Lebens". König habe immer das Positive gesehen und sei "unbeirrbar und konsequent" seinen Weg der Hoffnung und der Zuversicht gegangen. Deshalb habe der Kardinal in seinem Testament betont: "Vergesst bei meinem Begräbnis die Osterkerze nicht, die Kerze der Auferstehung".


Staikos erinnerte daran, dass ihn der Wiener Alterzbischof kurz vor seinem Tod noch zu sich gerufen hatte. Damals sagte Kardinal König dem Wiener orthodoxen Metropoliten: "Die Ökumene muss weitergehen". Das "gemeinsame solide Fundament" der Christen dürfe durch unterschiedliche konfessionelle Interessen, Machttendenzen und Konkurrenzdenken nicht zerstört werden, so Staikos. Die gemeinsame Taufe müsse von den Kirchen gemeinsam verkündigt werden, "damit die Welt glaubt, damit die Menschen auch in der bedrängten Situation von heute gestärkt und ermutigt ihr Leben meistern können".

 

Offenes Gottes- Kirchen- und Weltbild

 

Kardinal König habe in Wort, Schrift und Tat ein beispielhaft Klares, stabiles und dennoch offenes Gottes- Kirchen- und Weltbild hinterlassen. Das betonte der Publizist Heinz Nussbaumer in seinen Festvortrag. Das Denken des Kardinals habe über sein Leben hinaus Gültigkeit, betonte Nussbaumer und versuchte dies in sieben Thesen zu sieben zentralen Lebensthemen Königs zu verdeutlichen: Gewissen, Glaube und Gebet, Anfang und Ende des Lebens, Familie und Partnerschaft, Kirche, Ökumene und das Gespräch mit den Weltreligionen.

 

König habe in beeindruckender und beispielhafter Weise an die Größe und Heiligkeit des menschlichen Gewissens geglaubt, so Nussbaumer. Daraus sei auch sein Glaube an das Gute in jedem Menschen erwachsen. Zugleich sei ihm die Berufung auf das Gewissen aber kein Freibrief gewesen. Sie sei keine Ausrede gewesen, um sich aus der Verpflichtung und Solidarität zu stehlen, stellte Nussbaumer fest.

 

Für Kardinal König sei weiters außer Zweifel gestanden, dass es ohne Gebet weder Glaube noch Gewissen gäbe. Seine Überzeugungskraft habe sich dabei nicht aus seinem Bischofsamt sondern aus den unzähligen Stunden genährt, "in denen er allein für sich und vor seinem Gott das Gebetbuch aufgeschlagen hatte".

 

Wie Nussbaumer weiter ausführte, bleibe Kardinal König auch über den Tod hinaus ein leidenschaftlicher Hüter und Verteidiger des Lebens vom Anfang bis zum Ende. Die Einführung der Fristenregelung 1975 sei seine wohl bitterste Niederlage gewesen und bis zu seinem Tod habe er von einer "offenen Wunde" gesprochen. Auf der anderen Seite habe der Wiener Alterzbischof mit der All-Parteieneinigung zur Ablehnung der aktiven Sterbehilfe und der Förderung der Hospizarbeit am Ende seines Lebens noch einen großen Erfolg erleben können. Unvergesslich seien dabei seine wunderbaren Worte, dass der Mensch an der Hand und nicht durch die Hand eines anderen Menschen sterben solle.

 

In der Familie habe Kardinal König einen mächtigen Grundpfeiler erkant, in denen sich das Leben aufbaut, führte Nussbaumer weiter aus. Dabei habe er aber kein verklärtes idealisiertes Familienbild vertreten sondern habe um die verschiedenen "Brüche" genau Bescheid gewusst. Nussbaumer: "König wusste um den Leidensdruck so vieler auch gläubiger Menschen, um die Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit, und um die Gefahr, menschliche Schicksale mit kirchlichen Gesetzen einzuebnen."

 

"Wer immer versuchen möchte, Kardinal König für eine Fraktion in der Kirche zu vereinahmen, der wird scheitern", so Nussbaumer weiter wörtlich. Denn der Kardinal sei ein überzeugter Verfechter einer "Kirche der offenen Mitte" gewesen: "König war kein Modernist, kein Reformer und auch kein Liberaler. Er machte keine Abstriche im Grundsätzlichen. Aber in ihm brannte bis zuletzt das Feuer des Zweiten Vatikanischen Konzils."

 

Als "großen Wegbereiter der Ökumene" habe König auch aus der Überzeugung gelebt, dass Jesus nur eine einzige Kirche gewollt hatte. Und so habe der Kardinal immer und überall das Trennende zwischen den Kirchen entschärft und das Gemeinsame und Verbindende betont. Königs Vermächtnis heiße: "Die Ökumene muss weitergehen und darf nicht mehr gefährdet werden", so Nussbaumer.

 

Darüber hinaus sei König auch immer klar gewesen, dass der Dialog mit den Weltreligionen und hier vor allem mit Judentum und Islam für die Kirche nicht nur möglich sondern unverzichtbar sei.


Ein "treuer und eifriger Hirte"


Am fünften Todestag Kardinal Königs hatte der Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari in seiner Eigenschaft als Präsident der "Kardinal-König-Stiftung" im Wiener Stephansdom einen Gedenkgottesdienst zelebriert. In seiner Predigt hob Kapellari hervor, dass der Wiener Alterzbischof bis wenige Wochen vor seinem Tod "unermüdlich durch die Feier von Gottesdiensten, durch Predigten und Vorträge und durch Gespräche mit Menschen, die ihn besuchten, um sein Wort zu hören und seinen Rat zu empfangen, tätig war".


Kardinal König sei eine "weltweit geachtete Persönlichkeit" gewesen, ein angesehener Gesprächspartner für Christen aller Kirchen, für Juden, Muslime, für Angehörige anderer Religionen, aber auch für Nichtglaubende. Schon als junger Priester habe der Mann mit "dem königlichen Namen, der Fülle seines Wissens und der Weite seines Herzens" viele junge Menschen angezogen: "Er bot ihnen keine jugendbewegte Unterhaltung, aber eine väterliche Brüderlichkeit, die jeden ernst nahm".


Bischof Kapellari erinnerte daran, dass die Bischofsstadt Wien durch den sogenannten Eisernen Vorhang in eine Randlage geraten war. Als Erzbischof von Wien habe König die ersten Reisen zu den Bischöfen dieser Länder unternommen, um deren Isolierung zu durchbrechen. Beim Zweiten Vatikanischen Konzil sei er einer der besonders prägenden Kardinäle gewesen.


König habe aber nicht nur nach außen gewirkt, sondern sei ebenso ein "treuer und eifriger Hirte für seine große Diözese" gewesen. Er habe alle Pfarren visitiert, "hinzu kamen Besuche in Schulen aller Art, in Industriebetrieben und Krankenhäusern". Der damalige Wiener Erzbischof habe die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und der SPÖ entkrampft. Wörtlich betonte Bischof Kapellari in diesem Zusammenhang: "Er vertrat aber nicht, wie ihm fälschlich nachgesagt wurde, eine Äquidistanz der Kirche zu den politischen Parteien. Wiederholt, wenn auch gerne überhört, erklärte er, dass jede dieser Parteien ihre Nähe oder Distanz zur Kirche selbst zu bestimmen habe, je nachdem wie die für die Kirche unaufgehbaren Werte dort respektiert seien".


Als bischöflichen Wahl- und Wappenspruch habe Kardinal König die Worte "Veritati in caritate" ("Der Wahrheit in Liebe dienen") gewählt. Der anfangs scheu und manchmal schüchtern wirkende Priester und Bischof sei meist nicht dröhnend, wohl aber immer wieder deutlich für diese Wahrheit eingetreten. Oft habe man ihn einen "Liberalen" genannt: "Das Wort liberal ist keineswegs eindeutig. Viele verstanden und verstehen darunter eine Weite des Herzens und des Denkens, und eine solche Weite war dem Kardinal gewiss in hohem Maße eigen". Liberal im Sinne einer Aufweichung des Glaubensfundamentes der katholischen Kirche habe König aber nie sein wollen.


Nach seinem Abschied vom Amt des Wiener Erzbischofs 1985 habe der Kardinal durch 19 Jahre unzählige bischöfliche, priesterliche und schlicht mitmenschliche Dienste getan als "getreuer Lastenträger für Gott und für die Menschen". Seine physische Stärke und eine überaus maßvolle Art zu leben ließen ihn ein biblisch hohes Alter von fast 100 Jahren erreichen. Der Einsatz für die Hospizbewegung und so für ein menschenwürdiges Sterben sei das letzte große gesellschaftspolitische Anliegen des Wiener Alterzbischofs gewesen. Er sei mit Gelassenheit, ja in der Vorfreude eines entschiedenen Christen auf die Begegnung mit Gott auf den Tod zugegangen.


Wörtlich betonte Bischof Kapellari: "Die Summe eines durchbeteten Lebens, eines Lebens in Ehrfurcht vor dem unergründlichen Geheimnis Gottes, ermöglichte ihm eine solche Gelassenheit. In der Weisheit der späten Jahre wusste er auch, welche dramatischen Konsequenzen die Verdrängung und Verschweigung des Todes hat. Je mehr der Tod verdrängt wird, umso weniger verstehen es Menschen, auf humane Weise mit ihm umzugehen. Kardinal König hat für Menschenwürde bis zuletzt plädiert. In der Erinnerung vieler Zeitgenossen wird seine Mahnung bewahrt bleiben, dass Sterbende ihr Leben nicht durch die Hand eines Menschen, sondern an der Hand eines Mitmenschen beenden sollen".

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