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Wien, 28.01.2012 (KAP) Hildegard Burjan, die am Sonntag im Wiener Stephansdom seliggesprochen wird, blieb nach ihrem kurzen, aber ergebnisreichen politischen Wirken im Parlament in sozialpolitischen Fragen einflussreich. Das ist die übereinstimmende Meinung der Burjan-Biografen, die in diesem Zusammenhang auf die historisch belegten politischen Berührungspunkte und die starke Freundschaft mit dem christlichsozialen Spitzenpolitiker Prälat Ignaz Seipel verweisen. "Hildegard Burjan als wichtigste Beraterin von Seipel in sozialen Fragen zu bezeichnen, halte ich aber prinzipiell für überzogen", schränkt die Grazer Historikerin Michaela Kronthaler-Sohn in einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber "Kathpress" ein und verweist dabei auf fehlende Quellenbelege.
Es sei "durchaus anzunehmen", dass Seipel als bedeutender Weggefährte Hildegard Burjans und geistlicher Berater ihrer Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis "in ständigem Austausch auch zu sozialen Themen mit der neuen Seligen stand", so die Historikerin, die sich intensiv wissenschaftlich mit Burjan befasst hat. Das Verhältnis sei sicherlich ein "gegenseitiges Nehmen und Geben" gewesen. So habe der "Sozialtheoretiker" Seipel gar nicht so wenige Vorträge bei der Caritas Socialis gehalten, die auch gedruckt erschienen sind. Demgegenüber sei Hildegard Burjan die "Sozialpraktikerin" gewesen, die neue soziale Ideen in ihren Projekten mit der Caritas Socialis verwirklicht hat.
Dass Burjan dem Universitätsprofessor Seipel intellektuell die Stirn bieten konnte, sei durch eine Episode bei einer katholischen Frauenkonferenz 1917 in Linz bekannt, wo sie "Seipels theoretische Ausführungen korrigiert hat". Dieser Vorfall sei gleichzeitig der Beginn für eine "lebenslange Freundschaft zwischen den beiden großen Persönlichkeiten der Zwischenkriegszeit" gewesen. Von daher sei es vorstellbar, dass Seipel als Politiker durchaus mit Burjan soziale Themen und Fragen besprochen hat. "Allerdings fehlen dafür die Quellenbelege", so Kronthaler-Sohn. Klarheit darüber könnten die Seipel-Tagebücher geben, die allerdings dahingehend noch ausgewertet werden müssten, so die Historikerin, die im Rahmen ihrer Forschungen bisher auch auf keine schriftlichen Konzepte von Burjan für Seipels sozialpolitische Aktivitäten gestoßen ist.
Für Kronthaler-Sohn erklärt sich das daraus, dass Seipel selbst ein "Experte in sozialen Fragen" war. Dieser hatte beim bedeutenden katholischen Sozialdenker Franz Martin Schindler promoviert. Auch habe sich Seipel im Rahmen seiner Tätigkeit als Universitätsprofessor bzw. in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit "ständig mit sozialen Themen auseinandergesetzt". Politische Erfahrungen machen konnte der spätere christlichsoziale Bundeskanzler zudem schon als Minister für soziale Fürsorge im letzten kaiserlichen Kabinett.

